Diagnostik

Unterscheidung zwischen Demenz und Leichter Kognitiver Beeinträchtigung

Bis zu einem gewissen Grad sind leichte Vergesslichkeit und Gedächtnisschwierigkeiten im Verlauf des Altersprozesses nichts Ungewöhnliches. Die sogenannte Leichte kognitve Beeintächtigunge oder englisch Mild Cognitive Impairment gilt als Vorstufe der Alzheimer Demenz und Hauptrisikofaktor dafür. Zwar erkranken viele der davon Betroffenen im weiteren Verlauf an Alzheimer, dies muss aber nicht zwangsläufig der Fall sein.

Für die Diagnose eines demenziellen Syndroms muss zwingend eine Einschränkung der alltagspraktischen Fertigkeiten vorliegen. Diese umfassen Tätigkeiten wie Waschen, Ankleiden, Essen, persönliche Hygiene und die Kontrolle der Körperausscheidungen einschließlich der Toilettenbenutzung. Die charakteristichen Beschwerden müssen über einen Zeitraum von mind. 6 Monaten bestehen. Im Gegensatz dazu liegen bei MCI subjektive oder leicht objektivierbare Beeinträchtigungen des Gedächtnisses oder Denkvermögens vor, ohne dass es zu einer Einschränkung der alltagspraktischen Fertigkeiten kommt

Um die Kriterien für ein MCI zu erfüllen, müssen zuerst andere organische Erkrankungen oder Hirnfunktionsstörungen ausgeschlossen werden. Der darauf folgende diagnostische Prozess beginnt meist damit, dass eine nahe stehende Person, oder ein Verwandter die kognitiven Veränderungen des Betroffenen beschreibt. Der behandelnde Arzt oder Psychologe ermittelt zunächst, ob der Zustand altersentsprechend normal ist, oder es Anzeichen für Demenz gibt – nach einer ausführlichen Anamnese unter Einbezug von Bezugspersonen,  kann das Zustandsbild des Patienten mithilfe neuropsychologischer Kurztests und gegebenenfalls mit ausführlicheren Testbatterien genauer abgegrenzt werden. Im Rahmen dieser vertieften Differentialdiagnostik sollten u.a. kognitive Bereiche wie Lernen, Gedächtnis, Orientierung, Raumkognition, Aufmerksamkeit, Sprache und Handlungsplanung untersucht werden.

In den meisten Fällen erlebt der Betroffene eine Beeinträchtigung des Gedächtnisses, während andere kognitive Fähigkeiten jedoch weitestgehend intakt sind. Die Veränderungen beziehen sich also auf sogenannte „höhere“ kognitive Funktionen,  deutliche Einschränkungen im Alltag sind aber noch nicht bemerkbar.
Im Gespräch sind sensible Fragen zum Beispiel, ob der Patient noch seinen Hobbies nachgeht, er komplexe finanzielle Transaktionen bewältigen, neue Gegenstände und Werkzeuge benutzen kann, er häufig Fragen wiederholt, oder manchmal Datum und Jahreszahl vergisst.

Auch einschneidende biografische Ereignisse müssen berücksichtigt werden: Demenzielle Symptome können sich in zeitlichem Zusammenhang mit kritischen Lebensereignissen plötzlich verstärken, wenn bisherige Kompensationsmechanismen nicht mehr greifen. Viele Menschen erleben den Verlust kognitiver Leistungen als Reaktion auf belastende Lebensereignisse, z.B eigene schwere körperliche Erkrankung, Pflege oder Todesfall in der Familie, oder andere gravierende Änderungen der Lebensumstände, wie z.B. Pensionierung einhergehender Lebensumstellung. Vermutungen, dass beim Betroffenen beobachtete Auffälligkeiten nur eine Reaktion auf diese situativen Veränderungen sind, erweisen sich häufig als falsch und können den Beginn einer echten Demenz maskieren.
Angehörige können v.a. bei frühen Verlaufsformen Hinweise auf leichte Einschränkungen des Gedächtnisses oder Veränderungen im Wesen oder Verhalten des Patienten geben. Patienten und Angehörige werden befragt, ob die Beschwerden plötzlich oder schleichend aufgetreten sind und ob in zeitlichem Zusammenhang Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen oder andere Symptome (zB Gefühlsstörungen, Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen) zu beobachten waren,  oder die Medikation verändert wurde.

Wenn der Arzt feststellt, dass der Patient weder der Alternorm entspricht, noch die Kriterien für Demenz erfüllt und Aktivitäten des alltäglichen Lebens  bewätigen kann, aber ein Rückgang der kognitiven Fertigkeiten beschrieben wird, kann von einem  MCI ausgegangen werden.

 

Klinische Kriterien für die Diagnose des MCI

  1. Veränderungen der kognitiven Fähigkeiten (Information durch Patient, Informant, Beobachtung) - betroffen ist vor allem das Gedächtnis.
  2. Alltagsprakische Fertigkeiten sind unbeeinträchtigt. Der Alltag kann vollkommen selbstständig bewältigt werden (Essen zubereiten, Rechnungen zahlen, Einkaufen, Waschen, Ankleiden, Essen, persönliche Hygiene etc.), auch wenn komplexere Tätigkeiten etwas langsamer verrichtet werden.
  3. Kognitive Veränderungen sind so mild, dass die Kriterien der Demenz nicht erfüllt sind.

Da auch andere Erkrankungen, wie zum Beispiel v.a. Depression - die zu den häufigsten Alterserkrankungen gehört - ähnliche Symptome aufweisen können wie eine Demenz, ist eine genaue diagnostische Abklärung wichtig. Patienten mit Depression leiden neben depressiven Symptomen auch an Störungen von Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Konzentration und Antrieb und können so den Eindruck einer Demenz vermitteln - man spricht hier von "Pseudodemenz". Depressive Episoden treten auch häufig im Verlauf der Demenzerkrankung auf, mehr als zwei Drittel der Beroffenen sind zumindest einmal davon betroffen. Weiters müssen auch Schlafstörungen und deren Behandlungsstrategien berücksichtigt werden, da einige Medikamente bei chronischem Gebrauch Demenzsymptome hervorrufen können. Bei Verdacht auf eine primäre Erkrankung des Schlafes sollte eine Untersuchung im Schlaflabor veranlasst werden.